Das
kleine
Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans
Christian Andersen (Teil 2)
hier gehts zum ersten Teil 1
Ach, wie gut
musste jetzt ein Schwefelhölzchen tun! Wenn es nur wagen
dürfte, eins aus dem Schächtelchen
herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu
wärmen!
Endlich zog das Kind eins heraus.
Ritsch! Wie schön sprühte es und wie brannte es!
Das
Schwefelholz strahlte eine warme, helle Flamme aus, wie ein kleines
Licht, als es das Händchen um dasselbe
hielt. Es war ein merkwürdiges Licht! Es kam dem kleinen
Mädchen vor, als säße es vor einem großen
eisernen Ofen
mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen. Das Feuer brannte
so schön und wärmte so wohltuend!
Die Kleine
streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen –
doch da erlosch die Flamme. Der Ofen
verschwand wieder - sie saß nur noch mit einem Stümpchen des
ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand da.
Ein neues
Hölzchen wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und an der
Stelle der Mauer, auf welche der Schein fiel,
wurde sie durchsichtig wie ein Flor. Das Mädchen sah geradewegs in
die Stube hinein, wo der Tisch mit einem blendend
weißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt stand. Köstlich
dampfte die mit Pflaumen und Äpfeln gefüllte,
gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher war, die Gans sprang aus
der Schüssel und watschelte mit Gabel
und Messer im Rücken auf dem Fußboden daher - gerade die
Richtung auf das arme Mädchen schlug sie ein.
Doch wieder erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke kalte Mauer war
zu sehen.
Das Kind
zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem
herrlichsten Weihnachtsbaum; er war noch größer
und weit reicher geschmückt als der, den sie am Heiligabend bei
dem reichen Kaufmann durch die Glastür gesehen hatte.
Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte
Bilder, wie die, welche in den Ladenfenstern
ausgestellt werden, schauten auf sie hernieder. Die Kleine streckte
beide Hände nach ihnen in die Höhe - da erlosch
das Schwefelholz erneut.
Die vielen Weihnachtslichter stiegen
höher und höher, und sie sah jetzt erst, dass es die hellen
Sterne waren.
Einer von ihnen fiel herab und zog einen langen Feuerstreifen über
den Himmel. „Jetzt stirbt jemand!“ sagte die Kleine,
denn die alte Großmutter, die sie allein freundlich und immer
nett behandelt hatte, jetzt aber längst tot war, hatte
einmal gesagt: „Wenn ein Stern fällt, dann steigt eine Seele zu
Gott empor!“
Sie strich
wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer. Es warf einen weiten
Lichtschein ringsumher, und im Glanze
desselben erschien die alte Großmutter hell beleuchtet mild und
freundlich. „O, Großmutter!“ rief die Kleine,
„nimm mich mit dir! Ich weiß genau, dass du verschwindest, sobald
das Schwefelholz ausgeht, verschwindest,
wie der warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der
große glänzende Weihnachtsbaum!“
Schnell
strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, die sich noch im
Schächtelchen befanden, denn sie
wollte die Großmutter festhalten. Und die Schwefelhölzer
verbreiteten einen solchen Glanz, dass es heller war als am Tag.
So
schön, so groß war die Großmutter nie gewesen. Sie
nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm, und hoch schwebten
sie empor in Glanz und Freude. Kälte, Hunger und Angst wichen von
ihm – und sie war bei Gott.
Aber im
Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine
Mädchen mit roten Wangen, mit einem Lächeln
um den Mund - tot, erfroren am letzten Tage des alten Jahres. Der Morgen des
neuen Jahres ging über der kleinen
Leiche eines kleinen Mädchens auf. Es hatte Schachtel mit
Schwefelhölzern in der Hand, wovon fast ein
Schächtelchen verbrannt war. „Sie hat sich wärmen wollen!“
sagte man. Niemand aber wusste, was sie Schönes
gesehen hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Großmutter zur
Neujahrsfreude eingegangen war.