09. Dezember





Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern  von Hans Christian Andersen (Teil 2)

hier gehts zum ersten Teil 1

Ach, wie gut musste jetzt ein Schwefelhölzchen tun! Wenn es nur wagen dürfte, eins aus dem Schächtelchen
herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu wärmen!
Endlich zog das Kind eins heraus. Ritsch! Wie schön sprühte es und wie brannte es!
Das Schwefelholz strahlte eine warme, helle Flamme aus, wie ein kleines Licht, als es das Händchen um dasselbe
hielt. Es war ein merkwürdiges Licht! Es kam dem kleinen Mädchen vor, als säße es vor einem großen eisernen Ofen
mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen. Das Feuer brannte so schön und wärmte so wohltuend!

Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen – doch da erlosch die Flamme. Der Ofen
verschwand wieder - sie saß nur noch mit einem Stümpchen des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand da.


Ein neues Hölzchen wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und an der Stelle der Mauer, auf welche der Schein fiel,
wurde sie durchsichtig wie ein Flor. Das Mädchen sah geradewegs in die Stube hinein, wo der Tisch mit einem blendend
weißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt stand.
Köstlich dampfte die mit Pflaumen und Äpfeln gefüllte,
gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit Gabel
und Messer im Rücken auf dem Fußboden daher - gerade die Richtung auf das arme Mädchen schlug sie ein.
Doch wieder erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen.


Das Kind zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum; er war noch größer
und weit reicher geschmückt als der, den sie am Heiligabend bei dem reichen Kaufmann durch die Glastür gesehen hatte.
Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder, wie die, welche in den Ladenfenstern
ausgestellt werden, schauten auf sie hernieder. Die Kleine streckte beide Hände nach ihnen in die Höhe - da erlosch
das Schwefelholz erneut.

Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher, und sie sah jetzt erst, dass es die hellen Sterne waren.
Einer von ihnen fiel herab und zog einen langen Feuerstreifen über den Himmel. „Jetzt stirbt jemand!“ sagte die Kleine,
denn die alte Großmutter, die sie allein freundlich und immer nett behandelt hatte, jetzt aber längst tot war, hatte
einmal gesagt: „Wenn ein Stern fällt, dann steigt eine Seele zu Gott empor!“


Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer. Es warf einen weiten Lichtschein ringsumher, und im Glanze
desselben erschien die alte Großmutter hell beleuchtet mild und freundlich. „O, Großmutter!“ rief die Kleine,
„nimm mich mit dir! Ich weiß genau, dass du verschwindest, sobald das Schwefelholz ausgeht, verschwindest,
wie der warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große glänzende Weihnachtsbaum!“

Schnell strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, die sich noch im Schächtelchen befanden, denn sie
wollte die Großmutter festhalten. Und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen Glanz, dass es heller war als am Tag.


So schön, so groß war die Großmutter nie gewesen. Sie nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm, und hoch schwebten
sie empor in Glanz und Freude. Kälte, Hunger und Angst wichen von ihm – und sie war bei Gott.

Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit einem Lächeln
um den Mund - tot, erfroren am letzten Tage des alten Jahres.
Der Morgen des neuen Jahres ging über der kleinen
 Leiche eines kleinen Mädchens auf. Es hatte Schachtel mit Schwefelhölzern in der Hand, wovon fast ein
Schächtelchen verbrannt war. „Sie hat sich wärmen wollen!“ sagte man. Niemand aber wusste, was sie Schönes
gesehen hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.


Herzlichen Dank an Eva, deren Bilder ich in diesem Jahr freundlicherweise verwenden darf :-)

© bäuerinnentreff 2008


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